Offener Brief

OFFENER BRIEF

an das
Ministerium für Umwelt und Gesundheit des Landes Brandenburg, z.Hd. Frau Ministerin Anita Tack
Heinrich-Mann-Allee 103, Haus 45
14473 Potsdam
und
Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg
z.Hd. Präsident Prof. Matthias Freude
Seeberger Chaussee 2
14476 Potsdam

 Mitten in einem der intaktesten Landstriche der Uckermark entsteht auf der Hügelkette am Westufer des Unteruckersees ein Ort für 79.880 Legehennen. Der Unmut in der Bevölkerung wächst, stellt man sich doch die Frage, wie viel hier der Natur- und Umweltschutz gilt, wie ernst es mit der Weiterentwicklung des Tourismus gemeint ist und wie weit generell die Ausbeutung von Tier und Natur noch geht.

Uckermark, 16. Oktober 2014

Sehr geehrte Ministerin Anita Tack, sehr geehrter Präsident Prof. Dr. Matthias Freude,
hinsichtlich des oben umrissenen Tatbestands bitten wir um Aufklärung. Auf der Kuppe der malerischen Hügellandschaft zwischen dem Unteruckersee und dem Sternhagener See fahren Bagger und planieren Flächen, um den Bau zweier gigantischer Legehennenfabriken (mit je 39.990 Tieren) zu ebnen. Der Standort befindet sich in Sichtweite des wichtigen Prenzlauer Naherholungsgebietes „Kleine Heide“ und des Naturschutzgebiets „Charlottenhöhe“. Hier sind zahlreiche geschützte Biotope und malerische Sölle, die Lebens- und Schutzraum für viele bedrohte Tierarten bieten, direkt betroffen. Die Anlage befindet sich auch an einem der schönsten Abschnitte des beliebten Radwanderwegs Berlin-Usedom und direkt an weiteren Rad- und Wanderwegen.

Der Bau dieser Legehennenfabrik veranlasst uns zu einigen Fragen, deren Beantwortung wir hiermit fordern. Das bisherige Planverfahren wurde in aller Stille an der Bevölkerung, den Tourismusanbietern und im Wesentlichen wohl auch den Naturschutzverbänden vorbei durchgezogen. Ein den Bauherren ausweisendes Schild an der Großbaustelle fehlt, wozu er aber eigentlich verpflichtet ist. Kann es wirklich sein, dass ein solch gigantisches Projekt an so vielen Betroffenen vorbei geplant wird? Welches Planverfahren mit Einbindung der Betroffenen wurde bei einem Projekt derartigen Ausmaßes in ökologisch sensiblen und touristisch hochattraktiven Gebieten angewandt? Warum wurden noch kaum Einsichten in Planunterlagen gewährt? Wie lässt sich erklären, dass mehrere „eigenständig“ agierende Mitglieder der selben Landwirtsfamilie am selben Ort mehrere Ställe bauen dürfen, die jeweils gerade immer eben mal unter der Grenze von 40.000 bleiben, um die Öffentlichkeit im Rahmen des Verfahrens nach 4.BImSchV nicht beteiligen zu müssen? Inwieweit wird die ansässige Bevölkerung durch die Schaffung von wenigen Arbeitsplätzen Nutznießer sein, da selbige Anlagen hochautomatisiert betrieben werden? Wie steht es um das Gerücht, dass eine weitere Großanlage im unmittelbaren Umfeld in Groß Sperrenwalde geplant ist? Haben Themen wie Lebensqualität der Bevölkerung, Entwicklungschancen des Tourismus und Schutz der Landschaft im Landkreis Uckermark und im Land Brandenburg sowie der Respekt vor Nutztieren keine Bedeutung?

Argumente, die vehement gegen den Bau solcher Anlage(n) sprechen:
1. der, auch von der EU geförderte Tourismus befindet sich in den letzten Jahren im Aufschwung und hat sich zu einem sehr wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt; weitere Entwicklungsmöglichkeiten werden ihm entzogen
2. die umliegenden Biotopstrukturen werden durch die Anlagen beeinträchtigt, u.a. wird der Hühnerdung der Auslaufflächen zwangsläufig in die darunter gelegenen Seen und Biotope geschwemmt und damit die ansässigen seltenen Tier- und Pflanzenarten bedroht
3. dieser hügelige und seenreiche Raum ist einer der flächenmäßig intaktesten und bislang von der Landwirtschaft am wenigsten beeinträchtigten Landschaften der Uckermark
4. pro „Gebrauchslegeküken“ werden ca. 300 Eier an Produktion erwartet; nach 12 bis 15 Monaten werden sie geschlachtet. Eine aus Tierschutzgesichtspunkten vertretbare Haltung ist bei Großanlagen des hier beabsichtigten Ausmaßes (pro Huhn sind dauernd 4 m² Grünauslauf auszuweisen) nicht möglich.

Die wald- und wasserreiche Gegend ist das Kapital, worauf in dieser Region seit Jahrzehnten gebaut und investiert wird! Die nun im Entstehen befindlichen Agrarfabriken machen dieses Ansinnen unglaubwürdig und zerstören jegliche Perspektiven! Auch viele der eingesessenen, umliegenden Landwirte scheinen wenig angetan von dem Projekt und den Auswirkungen auf die Region. Inzwischen fallen die Eierpreise, da die Discounter sie immer weiter senken. Vielleicht haben wir hier bald die nächsten Industrieruinen, die auf Kosten von Tieren und Natur gerade entstehen? Und was in Niedersachsen auf Grund von Bürgerprotesten nicht mehr möglich ist, soll plötzlich in Brandenburg erlaubt sein?

Es bitten um Stellungnahme die Erstunterzeichner des Offenen Briefes vom 16. Oktober 2014:
Uta von Arnim, Pinnow
Andreas Böttcher, Pinnow
Hannah Del Mestre, Sternhagen
Ulrich Del Mestre, Sternhagen
Thomas Fehlmann, Sternhagen Gut
Matthias von Golaszewski, Nordwestuckermark
Gudrun Gut, Sternhagen Gut
Kurt Hartmann, Buchholz
Corinna Harfouch, Schorfheide
Ferdinand von Hohenzollern, Fergitz
Dr. Ursula Macht, Flieth-Stegelitz
Johanna Michel, Pinnow
Sybilla Keitel, Stabeshöhe
Philipp Kiehn, Sternhagen
Hans-Christian Krüger, Gerswalde
Bettina Lempelius, Sternhagen
Michael Lenze, Pinnow
Sigrun Ott, Fergitz
Dirk Preuß, Pinnow
Matthias Rackwitz, Löpten
Andrea Ribbers, Pinnow
Barbara Schindler, Fergitz
Volker Schriefer, Fergitz
Günter Siebert, Hohen-Neuendorf
Georgia von der Wettern, Sternhagen

Literatur
Kleine Heide
Charlottenhöhe
Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage 3207 des Abgeordneten Axel Vogel Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Drucksache 5/8078 „Tierhaltungsanlagen in Brandenburg“ (Uckermark siehe S 30)
Pressebericht vom Landkreis Uckermark zur Entwicklung des Tourismus
Tourismus-Tipps zu Radwegen in der Uckermark
Uckermark gewinnt Bundeswettbewerb Nachhaltige Tourismusregionen 2012/2013
Informationen zur Haltung von Legehennen
Bürgerinitiative gegen Massentierhaltung
Aktueller Artikel: Helmut Schödel, Erbarmungslos. Allmählich wird uns klar, wie gedankenlos wir mit unseren Nutztieren umgehen.(Süddeutsche Zeitung, 20./21. September 2014)

 

Der „Offene Brief“ wurde mit dem Betreff „Uckermark“ als E-Mail an Ministerin Anita Tack (poststelle@mugv.brandenburg.de) und den Präsidenten Prof. Matthias Freude (bdp@lugv.brandenburg.de) sowie in Kopie an den Minister für Infrastruktur und Landwirtschaft des Landes Brandenburg, Herrn Jörg Vogelsänger (poststelle@mil.brandenburg.de) am 16.10.14 zugestellt.

 

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